Städtetrip Kiew Schwimmer Denkmal aus Holz am Bogen der Völkerfreundschaft
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Kiew | Städtetrip in die unterschätzteste Metropole Europas

Was willst du denn da? Ist das nicht gefährlich? Fahr´ doch lieber nach St. Petersburg! Das waren die Reaktionen auf die Ankündigung, das nächste Wochenende in Kiew zu verbringen. Sie zeigen aber auch, wie unbekannt die Hauptstadt der Ukraine ist. Ehrlich gesagt wusste ich über Kiew auch nicht viel mehr, als dass sie am Dnepr liegt und der Bürgermeister der berühmte Ex-Boxchampion Vitali Klitschko ist. Also her mit dem Reiseführer und los geht die Reise 2000 Kilometer schnurgerade Richtung Osten.

Wir verschaffen uns zu Fuß einen ersten Eindruck. Eine Millionenstadt, die – wie Rom – auf sieben Hügeln gebaut ist. Doch mit einem völlig anderen Flair. Großzügige, fast verschwenderische Weite mit seinen zahlreichen großen Plätzen und breiten Straßen, die viel Luft zum atmen lassen. Und erstaunlich wenig Menschen für eine 3-Millionen-Metropole. Das mag auch an der brütenden Hitze liegen, die die Stadt tagsüber geradezu weichkocht. Ich habe mir jedenfalls die schweißnassen Finger wundgeknipst bei all den goldenen Kuppeln, prächtigen Gebäuden, Denkmälern und Statuen.

Auf einen Reiseführer seid ihr bei einem Städtetrip nach Kiew auf jeden Fall angewiesen, es sei denn, ihr könnt die kyrillische Schrift lesen und versteht ukrainisch. Denn die Stadt ist touristisch kaum erschlossen und Hinweisschilder in englischer Sprache sucht man vergebens. Der aktuellste Reiseführer auf dem Markt ist derzeit City-Trip Kiew aus dem Reise Know-How Verlag Peter Rump. Aber Achtung! In diesem Werk wird behauptet, kein Mann in Kiew würde sich je in kurzen Hosen blicken lassen. Wenn man, wie wir, nur mit Handgepäck reist, verzichtet man natürlich auf jedes unnötige Gramm. Mit dem Ergebnis, dass der, den ich liebe, sich in langen Jeans durch die Stadt quälte, während andere Männer in dünnen Shorts dahinflanierten.

Packt also ruhig eine Shorts ein – aber bitte keine Badehose. So verlockend es auch sein mag, sich mal kurz im Dnepr-Strandbad abzukühlen, wo viele Familien baden und angeln. Nicht reinspringen, nicht die Füße abkühlen, keinen Fisch essen. Die Wasserqualität ist miserabel.

Über die Parkovyi-Brücke gelangt man also zur Truchanow-Insel, wo man am besten einen Drink in der Bar gleich links neben der Brücke nimmt und den Blick auf die Stadt genießt. Auch unser nächstes Ziel kann man von hier aus sehen: den Bogen der Völkerfreundschaft. Dann geht es den gleichen Weg zurück (vorher Wasser am Kiosk kaufen, ihr werdet es später brauchen) und in Serpentinen bergauf durch den Khreschatyi-Park. War der Blick vorhin schon großartig, so wird er nun mit jedem Schritt atemberaubender. Immer weiter reicht die Sicht über die Metropole, deren zwei Teile sich hinter uns und auf der anderen Seite des Dnepr erstrecken, und die Glas-Brücke ragt vor uns auf.

Dann steht man vor dem Bogen der Völkerfreundschaft, einem Denkmal aus unbemaltem Titan mit 60 Metern Durchmesser, zu dem auch das aus Granit gehauene Perejaslaw-Denkmal gehört. Der große Riss auf dem Bogen, der die Freundschaft zwischen der Ukraine und Russland symbolisiert, wurde übrigens 2018 von mehreren Aktivistengruppen aufgeklebt. Die Sicht auf Kiew, der Bogen und die gläserne Brücke sind beeindruckend – allein das war die Reise wert!

Eigentlich wollten wir von hier aus zurück zum Maidan, werden aber von Musik angezogen. Also noch ein Stückchen weiter hoch, auf den Volodymyrska Hill. Ein DJ legt im Pavillon auf, die wummernden Bässe sind durch den ganzen Park zu hören. Für wen sie eigentlich auflegen, wissen wir nicht, denn es sind kaum Zuschauer im Park und es sind weder Getränkestände aufgebaut noch kostet das Event Eintritt, wie man das in Deutschland erwarten würde. Wir chillen noch ein bisschen, dann geht es den Hügel hinunter direkt auf den Maidan zu. Klein-Montmartre nennt sich das Viertel: An der abschüssigen Straße gibt es ein Café mit köstlichen Schinken-Käse-Croissants und französischer Musik, das von französisch-Studenten betrieben wird (Café Très Francais mit Blick auf den Maidan).

Eine der vielleicht schönsten Straßen ist der Andreassteig im Kiewer Viertel Podil. Wir waren sogar zweimal dort – denn in Nr. 13 befindet sich das Michael-Bulgakow-Museum, das bei unserem ersten Besuch geschlossen war. Ich liebe diesen Autoren und musste unbedingt sehen, wo er 13 Jahre gelebt und gearbeitet hat! An Schreibtischen und eigenartigen Details (Geheimtür inklusive) mangelt es dieser Wohnung jedenfalls nicht.

Der Stadtteil Podil gefiel uns sehr. Prunkvolle Häuser stehen hier neben Lost Places und Bauruinen. Viele Fassaden wurden von Street-Art-Künstlern verziert, und in so manchem Innenhof befinden sich Bistros mit Liegestühlen, in denen man eine Kleinigkeit essen kann. Nach dem Bulgakow-Museum haben wir uns auch das Tschernobyl-Museum angeschaut. Hier genügt aus meiner Sicht ein ganz kurzer Besuch. Ich hatte mir nach der Beschreibung im Reiseführer viel davon versprochen, doch so interessiert ich zuerst war: Es ist ziemlich schlecht kuratiert, so dass wir nur eine halbe Stunde durch die überladene Ausstellung gelaufen sind.

Auf zum nächsten wundervollen Ort in Kiew, dem Funikuler, der sich wiederum im Volodymyrska Hill befindet. Der Schrägaufzug verbindet den Stadtteil Podil mit der Oberstadt. Die Fahrt ist kurz, macht aber Spaß und kostet nur ein paar Cent. Egal in welche Richtung ihr fahren möchtet, setzt euch ans untere Ende der Bahn, um den Blick auf den Dnepr zu genießen.

Apropos schräg: Mit einer Rolltreppe geht es hinunter in die tiefste Metrostation der Welt! Die Station Arsenalna ist so tief, dass die Rolltreppe geteilt werden musste. Die Rolltreppe fährt ungefähr doppelt so schnell wie das deutsche Pendant, trotzdem dauert die Fahrt zweieinhalb Minuten. Aufzüge gibt es nicht, nur den laaaangen Weg in 105 Meter Tiefe. Nix für Klaustrophobiker.

Von der Station Arsenalna gelangt man zur Hauptsehenswürdigkeit, der Lawra. Der Klosterkomplex mit seinen verschiedenen bedeutenden Kirchen, Museen und dem unterirdischen Katakombenkomplex ist Weltkulturerbe der UNESCO. Ein züchtig bedeckter Körper sowie ein Kopftuch für Frauen sind hier übrigens Pflicht! Mit dem Höhlenkloster betritt man eine ganz eigene Welt; ehrlich gesagt hatte ich es ziemlich eilig, diese Welt wieder zu verlassen. Der Eintritt ist frei, stattdessen kauft man eine Kerze, die man am Eingang anzündet. Nur mit diesem kleinen Licht in der Hand, das beim kleinsten Luftzug erlischt, geht man die stockdunklen Treppenstufen hinab in die engen Katakomben. Elektrisches Licht gibt es hier unten nicht, und aus Respekt vor den Gläubigen habe ich es nicht gewagt, die Taschenlampe an meinem Handy anzuschalten. Entlang der Gänge stehen in Nischen die gläsernen Särge vieler Mönche, deren Körper sich im Lauf der Jahrhunderte mumifizierten. Beleuchtet ist jeder dieser Särge mit einer brennenden Kerze, die sehr wenig Licht abgibt. Ich fand es gruselig und war heilfroh, wieder ans Tageslicht zu kommen.

Was noch tun in Kiew? Unbedingt Borschtsch probieren. Die Rote-Beete-Suppe schmeckt köstlich. Georgisch essen gehen, zum Beispiel im Chachapuri, wo die Terrasse zur Abkühlung mit Wasser benebelt wird. Nicht Auto fahren, es sei denn, man besitzt eine Rundum-Stoßstange. Den ältesten Baum der Ukraine besuchen. Einige Historiker glauben, dass dieser Baum schon Tausend Jahre alt ist und sogar der Zeuge der mongolisch-tatarischen Invasion war. Das Innenleben einer Rolltreppe anschauen. Wodka trinken, aber nicht hinunterkippen, sondern zum Essen nippen. Aufpassen, wo ihr hintretet. Treppen und Gehwege in Kiew können verhängnisvoll sein.

Ein kleines Video unseres Kiew-Städtetrips findet ihr bei Instagram.

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